Von Ohrwürmen und Abschiednehmen

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Bestimmte Lieder schwirren im Kopf herum, zumeist nicht ohne Grund. Seit Wochen habe ich einen Ohrwurm, genauer gesagt, zwei. Beides sind es Lieder der Lumineers und beide Lieder wollen mir etwas sagen. Ich soll gehen, möglichst schnell und ohne zurückzublicken. Wie Orpheus und Eurydike aus der Unterwelt.


Der erste Song Sleep on the floor beginnt mit diesen Worten:

Pack yourself a toothbrush dear
Pack yourself a favorite blouse
Take a withdrawal slip
Take all of your savings out
Cause if we don’t leave this town
We might never make it out

Die ersten Zeilen des zweiten Songs Angela sind:

When you left this town, with your windows down
And the wilderness inside
Let the exits pass, all the tar and glass
Til the road and sky align

Unverkennbar ist die Botschaft, die mir mein Unterbewusstes anhand der Lieder mitteilen möchte. Verschwinde, pack deine Sachen! Und Leute, ehrlich, ich möchte das auch und ich werde es auch. Gehen. Fortgehen. Weg aus Berlin und weg aus dem Tumult und Großstadtlärm. Ich passe hier nicht hinein, das hab ich noch nie. Berlin ist eine wunderbare Stadt, aber nichts für zarte Seelen, wie ich eine bin. Und wenn ich genauer darüber nachdenke, habe ich mich hier eher unwohl gefühlt, als jemals zu Hause.

Neun Jahre sind es im Oktober. Und ich erinnere mich genau an meine erste Zeit hier. Noch nie hab ich mich mehr verloren gefühlt als damals. Alles war neu. Die mini Besenkammer von einer Wohnung, allein wohnen, Studium, Uni, all diese Leute. Es hat ewig gedauert, bis ich mich zurechtfand und eingelebt habe. Die Reizüberflutung ebbte irgendwann ab. Das Verloren sein ist geblieben, bis heute. Eine Zeit lang, habe ich es genossen. Dieses mich treiben lassen, ein unbestimmtes Leben zu führen, ohne jeglichen Plan und ohne Ziel. Aber das ist keine Dauerlösung, so lässt es sich nicht leben. Zumindest für mich.

Die Zeit in der Hauptstadt hat mich vieles gelehrt über das Leben selbst. Es hat mich zu der Person gemacht, die ich jetzt bin. Ich habe tolle Erinnerungen gesammelt und schöne Momente verlebt und viele Leute kennengelernt. Doch manchmal denke ich mir, dass ich mir Berlin auch hätte sparen können. Vielleicht wäre es besser gewesen in eine andere Stadt zu ziehen. Sich an mehr Unis zu bewerben. Mutiger gewesen zu sein. Aber vergangenes lässt sich nicht ändern und bereuen bringt nichts. Was zählt, ist das Jetzt und die Zukunft.

Ich finde es hart, große Veränderungen zu wirken und gleichzeitig im selben Umfeld zu bleiben. Ich rutsche immer wieder in alte Muster zurück. Das geht vielen so, ich bin nicht die einzige.

Heute ist meine Mutter umgezogen, gemeinsam mit meiner Schwester. Raus aus Berlin in eine kleine Stadt. Sie haben es geschafft. Ich bleibe mit dem Gefühl zurück, dass mit ihrem Fortgehen sich eine Ära ihrem Ende neigt. Nie wieder werde ich auf einen Plausch vorbeischauen können, gemeinsam Kuchen essen, den weißen Kater streicheln, jedenfalls nicht mehr in dieser Wohnung. Sie steht jetzt leer. Und wie in die Wohnung ist auch in meinem Herzen eine Leere eingezogen. Nicht groß und furchterregend, aber klein und aufdringlich. Es ist nicht für immer. Bald werde ich folgen. Doch Abschied nehmen hat immer einen traurigen Nachgeschmack.

Hier sitze ich nun und teile diese Zeilen. Wie schätzt du dich ein, Großstadtblume oder Kleinstadtpflänzchen? Lass es mich im Kommentar wissen. Zum guten Schluss hab ich die erwähnten Lieder eingebunden, hoffentlich gefallen sie dir.

Melancholische Grüße,

Lina

2 Kommentare zu „Von Ohrwürmen und Abschiednehmen“

  1. Ich bin weder Großstadt Blume noch Kleinstadt Pflanze. Mehr so etwas dazwischen. Verwurzelt am Rande um das Lebensgefühl beider Bereiche zu spüren. Ich mag das ‚Zwischenlicht‘.

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